Erfahrungsbericht November 2013

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…

Natürlich dachte ich, dass ich nun bei meinem zweiten Aufenthalt auf alle Launen der indischen Kultur, Religion und Leute gut vorbeireitet bin. Ich wusste, dass ich nichts planen kann, ohne dass es anders kommen wird. Ich wusste wem ich wirklich vertrauen kann und warum die meisten Inder und Inderinnen einfach Ja sagen, auch wenn sie nein meinen und wie ich trotzdem zu meiner gewünschten Antwort komme…ich war auf alles vorbereitet…fast alles...

 

...Eine Woche nach dem letzten Newsletter, plante ich in die Dörfer zu reisen und mir von unserer Zielgruppe ein klares Bild zu machen. Ich freute mich riesig auf die Abwechslung, nach dem täglichen Unterricht in Gewaltfreier Kommunikation und war glücklich, im Frauenprojekt einen weiteren Schritt voranzukommen. Einen Tag bevor ich abreisen wollte, kriegte ich einen Anruf des Chefs von SFDC namens Bijay. Er informierte mich, dass ich nicht gehen könne, da ein Sturm über die Stadt und die umliegenden Gebiete kommen würde. „Pha ein Sturm…“ dachte ich „was soll mir ein Sturm schon ausmachen“. Ich war frustriert, dass ich meine Pläne nun auch noch wegen eines kleinen Sturmes ändern musste. Am nächsten Tag ging ich in die Stadt (Berhampur) um am Internet etwas zu arbeiten. Die Schulferien hatten begonnen und alle Schüler sind einen Tag zuvor abgereist, nach Hause in Ihre Dörfer. Im Büro kam mir das Thema Sturm immer wieder zu Ohren. Ich wurde neugierig und wollte wissen, was es sich nun mit dem Sturm auf sich hatte. Bijay wirkte sichtlich besorgt, als er mich in sein Büro rief, um mit mir zu reden. Er klärte mich auf, dass nun klar wurde, dass der anfangs etwas stärkere Sturm sich nun zu einem Zyklon oder Wirbelsturm entwickelt hat. Der letzte Sturm dieser Art kam 1999 übers Land und forderte über 10‘000 Todesopfer. Ups…mir war nicht mehr nach Lachen zumute. Ich informierte mich über die Lage und wollte alle, die ich kannte, in Sicherheit bringen. Doch niemand wollte so richtig. Ich war verwirrt…warum waren alle guter Laune, warum machten alle Spässe über den Sturm und warum hörte mir niemand zu?

 

Mir wurde klar, dass ich keine Chance hatte, die zwei Mitarbeiter die noch im College waren, zu überreden, mit mir in das sichere (dachte ich zumindest) Appartement von SFDC zu ziehen. Sie wollten den Sturm da erleben wo sie wohnen und lachten dabei. Gut dann hatte ich noch einen Trumpf im Ärmel. Der Chef wollte, dass ich ins Appartement gehe, somit sagte ich, dass ich nur gehen werde, wenn die kleine Familie meines GFK-Partners Param auch mitkommen kann. Dies wurde bewilligt. Obwohl Param nicht verstand warum er seine Hütte verlassen sollte, packten er und seine Frau Anuma alle Sachen zusammen und kamen mit mir, ihrem kleinen Sohn und Anumas kleiner Schwester, in die Stadt. Er und seine Frau konnten meine Aufregung nicht teilen, brachten meinen Ängsten jedoch viel Verständnis entgegen. Am Abend als mir nochmals so richtig bewusst wurde, dass dieser Sturm auch böse Folgen haben kann, wollte ich verreisen…(-: ich wollte ein Taxi schnappen, Params Familie einpacken und gehen. Doch der Wind war schon zu stark, so dass die Taxis sich nicht mehr auf eine längere Reise wagten, aus Angst ein Baum oder ein anderer Gegenstand könnte das Auto treffen und einen schlimmen Unfall verursachen. Also hatte ich keine andere Wahl als zu warten was passieren wird…warten, warten und warten. Als der Sturm dann da war, war ich überrascht wie ungefährlich sich das ganze anfühlt, ich informierte meine Lieben in der Schweiz die wussten, dass ich inmitten des Sturms stecke und meldete ihnen, dass alles gut ist. Doch schon eine Stunde später, erhöhte der Wind seine Geschwindigkeit und nichts war mehr wie vorher. Das gesamte Gebäude, das aus massivem Beton gebaut wurde fing sich an zu bewegen. Erst leicht, dann immer stärker…wir alle schauten zur Decke des Raumes und ich überlegte mir, wie lange wohl ein solches Haus solch massivem Rütteln stand halten kann. Anuma hielt ihr Baby in den Armen und in ihren Augen war die pure Angst ums Überleben zu sehen. Wir entschieden dann, den Schritt zu wagen und in den unteren Stock zu flüchten, da das Haus in diesem Bereich sicherlich nicht so stark schwanken würde. Somit würden wir nicht schon im Vorherein solchen Ängsten ausgesetzt sein, auch im Falle, wenn das Haus nicht standhält. Unsere einzige Sorge war, das offene Treppenhaus. Wir wussten, dass uns der Wind einfach davontragen könnte. Zum Glück ist alles gut gegangen. Wir kamen beim Nachbarn an, das ganze Haus hat sich da versammelt. Es wurde geplaudert und gelacht und somit ging das ganze Unwetter vergessen. Nach 5 Stunden war dann alles vorbei. Im Appartement wischten wir das Wasser und die Scherben der zerbrochenen Scheiben zusammen und nach etwas Schlaf war die Welt irgendwie wieder dieselbe.

 

 

Leider konnte ich mich für die zahlreichen Obdachlosen „nur“ damit engagieren, dass ich einen Newsletter versendete um Spenden zu sammeln. Denn eigentlich wollte ich mit dem Notarztteam losziehen und Verwundete versorgen. Doch leider war und bin ich mit meiner weissen Haut sofort als „Westlerin“ erkennbar und somit für viele Hilfesuchende und verzweifelnden Menschen ein geldgebender Hoffnungsschimmer. Somit hat mich das Team gebeten, nicht mit ihnen mitzugehen, da sie befürchteten, dass die Betroffenen das Auto stürmen werden und sie keine Chance hätten, ihre Hilfe den Verwundeten anzubieten. Somit war für mich klar, dass ich nicht mitgehen würde.

 

Die Schüler hätten eigentlich bald wieder in das College zurückkommen sollen. Jedoch hatten wir da keinen Strom, zu wenig Wasser und der SFDC war es nicht möglich, die vielen hungrigen Bäuche zu füllen, den das Essen war nach dem Sturm viel zu teuer. Auch da konnte ich nun meine Arbeit nicht fortsetzen. Dafür hatte ich Zeit, um das Konzept des Frauenprojektes zu überarbeiten. Nach einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit, Dörfer zu besichtigen, die für unser Projekt geeignet waren. Mein eindrücklichstes Erlebnis war in einem Dorf in welchem die Menschen als Tribals „Stammesvölkern“ bezeichnet werden. Das Dorf war klein, 35 Haushalte, 75 Frauen und 95 Männer (100% der Männer trinken regelmässig Alkohol) wie viele Kinder im Dorf leben, weiss niemand so genau. Das Dorf bestand aus kleinen Lehmhütten. Der Boden zwischen den Häusern sah sehr gepflegt aus…sonderbar für ein Dorf in dieser Gegend. Kein Abfall lag da…nichts. Die Stimmung wirkte sehr ruhig und gleichzeitig hatte es etwas Bedrückendes. Als wir alle in einem Kreis sassen um zu reden, war es bereits schon dunkel. Niemand sprach, als ich meine Fragen über das Zusammenleben und Gewalt stellte. Ruhig…Dann begann ein junger Mann zu sprechen, der interessiert zuhörte:“ In unserem Dorf herrscht in jedem Haus Gewalt“, begann er zu erzählen,“ die Männer trinken und schlagen ihre Frauen. Das schlimme ist, wir hören es, wissen was geschieht, doch wir tun nichts…warum lassen wir das zu, dass unser Nachbar seine Frau schlägt und misshandelt…?“ Er schien traurig zu sein und gleichzeitig dankbar darüber sprechen zu können. „ Wenn ihr etwas tun möchtet für unsere Frauen“, sprach er weiter,“ dann bringt sie weit weg, bringt sie in ein anderes Dorf, denn ich glaube, dass wir nicht gut für sie sind, wir sind gefährlich“. Nach diesen Aussagen traute sich eine junge Frau ebenso zu sprechen. Sie erzählte von Gewalt und Misshandlungen und darüber, dass die Männer sie nicht als Frauen sehen, sondern als „Etwas“, dass einfach das tut was von ihnen verlangt wird.

 

Die traurige Wahrheit ist, dass dieses Bild in fast jedem Dorf anzutreffen ist. Die Frauen werden nicht als Menschen behandelt, mehr als Dienende oder sogar Sklaven. Der Mann hat das Recht über die Frau zu bestimmen. Er hat das Recht darüber zu entscheiden ob ihre Leistungen in Haushalt gut genug sind oder nicht und bestraft sie dementsprechend. Manchmal entscheidet er auch über Leben und Tod.

 

Die Aussage, die ich in meinem letzten Newsletter gemacht habe: „Aus jedem Dorf müssten nach „schweizerischer Sichtweise“ mindestens ¾ aller Frauen in ein Frauenhaus“ muss ich dementsprechend korrigieren. Ich vermute das sicherlich 90% aller Frauen in dieser Gegend nach „schweizerischer Sichtweise“ in ein Frauenhaus müssten.

 

 

Durch den Zyklon hatte Bijay alle Hände voll zu tun und unsere Meetings für das Frauenprojekt wurden oft verschoben. Zum einen verstand ich seine Lage und zum anderen wurde ich teilweise auch ungeduldig, da ich wissen wollte, wie es nun weiter geht. Das Konzept hatte ich erstellt, musste jedoch unbedingt überarbeitet werden. Ich wusste, dass Bijay der Gewaltfreien Kommunikation nicht dieselbe Wichtigkeit geben wollte wie ich und da wollte ich auf eine gemeinsame Lösung hinarbeiten.

 

An der langersehnten Sitzung informierte mich Bijay, dass er das Frauenkonzept in das schon bestehende Vorschulprojekt integrieren möchte. Dies war für mich ein ganz neuer Ansatz, der jedoch sehr viele Ressourcen mit sich brachte, denn ich wusste somit, dass die langjährigen Mitarbeiter von SFDC ebenso im Projekt involviert sein werden. Diese Mitarbeiter arbeiteten seit Jahren in den Dörfern und fast alle sind ebenso in einem der umliegenden Dörfer wohnhaft. Ich konnte beobachten, dass diese Mitarbeiter zu den Dorfbewohnern schnell vertrauen gewinnen konnten und in ihrer Arbeit Herzblut steckt. Sie wünschen sich alle, etwas für die eigenen Leute tun zu können. Der einzige Nachteil den ich in dieser Umstrukturierung sah war, dass nun kein Projektleiter eingestellt wurde. Ich wünschte mir jemanden, der die Gewaltfreie Kommunikation vermitteln konnte und ebenso die Übersicht über das ganze Projekt behält. Ob dies Jedoch die bessere Lösung gewesen wäre ist auch ungewiss.

 

Nach diesem Gespräch wurde das Endkonzept erarbeitet. Nun wurden 6 Dörfer von den 10 Dörfern ausgewählt. Diese Entscheidung löste in mir Traurigkeit aus, da ich mir für all die 10 Dörfer die ich besucht habe Unterstützung wünschte. Ich sah die Hoffnung in den Augen der Dorfbewohner und wollte ihre Zuversicht nicht enttäuschen. Ebenso verstand ich, dass das Projekt nur in den Dörfern stattfinden kann, in denen es eine Vorschule gibt. Einige Frauen wurden für das Projekt ausgesucht und erhielten von Param und mir ein Basisseminar in Gewaltfreier Kommunikation. Weitere Frauen müssen nun weiter geschult werden, da nicht alle Frauen aus den gewählten Dörfern kamen. Die Mitarbeiterinnen sind in den Dörfern wohnhaft in denen sie arbeiten. Jeden Morgen betreuen sie die Kinder in der Vorschule für 3 Stunden. In diesen 3 Stunden wird die Diskriminierung der Frauen bearbeitet und ein friedvolles Zusammenleben gefördert. Die Lehrer erhalten Lehr- und Lernmaterial um die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau zu fördern. Geschichten die den Kindern im Unterricht erzählt werden, werden bewusst ausgesucht, um liebevolle Beziehung zwischen Männern und Frauen aufzuzeigen, sowie Werte von Empathie, Ethik, Moral, Gewaltlosigkeit, Mitgefühl, Toleranz zu vermitteln.

Die restliche Zeit nutzen die Mitarbeiterinnen, um in den Dörfern mit den Dorfbewohnern zu arbeiten. Sie sind dafür zuständig, die herrschende Gewalt anzusprechen, sowohl mit den Frauen als auch mit den Männern. In Workshops werden den Frauen ihre Rechte und deren Umsetzung aufgezeigt.  Viele von ihnen haben keine Ahnung, dass in Indien Frauenrechte existieren. Durch Weiterbildungen in Gewaltfreier Kommunikation lernen die Dorfbewohner eine Möglichkeit, wie sie sich miteinander auseinandersetzen können. Ein grosses Problem in den Beziehungen ist, dass die Männer und Frauen nicht wissen, wie sie miteinander kommunizieren sollen, geschweige denn ihre Bedürfnisse verständlich zu formulieren. Auch dass Frauen ebenso Bedürfnisse haben können, ist den Männern oft nicht bekannt. Das Fernziel ist, durch das Tool der Gewaltfreien Kommunikation, dem Empathie-Kreis, Probleme konstruktiv und empathisch zu lösen. Der Empathie-Kreis ist ein Werkzeug um mit den Frauen und den Männern zu arbeiten. Das Ziel ist es, bei Gewalterlebnissen zwei Empathie-Kreise durchzuführen. Bei einem Empathie-Kreis stehen alle Mitwirkenden in einem Kreis. Die oder der Betroffene steht in die Mitte des Kreises. Alle Teilnehmer geben der Person in der Mitte mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation Einfühlung/Empathie. Die Person fühlt sich dadurch verstanden und kann somit die Situation verarbeiten. Diese Art von Kreis wird mit der Betroffenen Frau, sowie dem gewaltausübendem Mann durchgeführt. Statt den Hass zu fördern werden auf diese Weise Situationen klarer und die Chance einer Veränderung grösser. Dies soll das gegenseitige Verständnis fördern, um für Mädchen und Frauen im Dorf einen sicheren Raum zu schaffen.

 

Für die neuen Mitarbeiterinnen ist diese Arbeit eine grosse Herausforderung. Aus diesem Grund bin ich dankbar zu wissen, dass im Hintergrund erfahrene Männer und Frauen (SFDC-Team) ihre Unterstützung anbieten.

 

 

Mir ist wohl bewusst, dass in Indien die Zeit etwas langsamer geht und die Projektschritte ihre Zeit benötigen. Durch meine eindrücklichen Besuche in den Dörfern bin ich jedoch überzeugt, dass nur schon das Thematisieren der Gewalt viel auslöst und Veränderungen mit sich bringen wird. Das Umdenken und die Entwicklung der Haltung benötigt Zeit und einen langen Atem. Ich hoffe, dass der Chef und ebenso die Mitarbeiter von SFDC die Energie und Kraft dazu haben, dem Projekt die Zeit zu geben die es benötigt. Ich selbst bin mir sicher, dass ich diese Geduld aufbringen kann, auch wenn es ab und zu bedeuten wird Geduld zu haben und einfach abwarten was passiert.

 

Eine Woche vor meiner Heimreise in die Schweiz, freute ich mich riesig auf meinen Besuch in meiner zweiten Heimat. Thomas Gentsch ein langjähriger Freund und Mitgründer von Hope is life kam nach Indien, um unsere beiden Projekte zu besuchen. Er wusste nicht was ihn erwartet, war jedoch von der ersten Minute an begeistert von Land und Leuten. Beide Projekte, das Frauenprojekt wie auch das College, in welchem ich Gewaltfreie Kommunikation unterrichte, konnte er persönlich besuchen und ist vom Nutzen und der Notwendigkeit der Projekte überzeugt.

 

 

Nun bin ich schon wieder seit 4 Wochen in der Schweiz und werde Mitte oder Ende März 2014 erneut nach Indien reisen, um das Frauenprojekt zu unterstützen und die Schüler in Gewaltfreier Kommunikation zu bilden. Auch hoffen wir auf viele Spenden, die uns ermöglichen werden, weitere Projekte zu starten um einigen Menschen das Leben etwas zu erleichtern. Ein Beispiel einer Zukunftsvision ist eine Schule für Kinder der besuchten Dörfer, die keine Möglichkeit haben, eine staatliche Schule zu besuchen. Eine Schule die die internationalen Fächer unterrichtet, sowie auch Gewaltfreie Kommunikation (in anderen Schulen werden die Kinder geschlagen und die Tradition der Gewalt wird ihnen automatisch weitervermittelt). Die Gewaltfreie Kommunikation wird auch die Giraffensprache genannt, deshalb haben wir die Vision einer Giraffenschule. Solange es Menschen gibt, die keine Chance haben, sich für sich selbst einzusetzen, die unterdrückt und misshandelt werden, solange werden uns die Ideen für neue und sinnvolle Projekte nicht ausgehen, da sind wir uns sicher.

 

Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich schon den Giraffenbus, der die Kinder aus den Dörfern abholt und sie zu ihrer neuen Schule bringen...

 

Herzlich

 

Andrea (-:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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