Erfahrungsbericht März 2015

In indischer, traditioneller Kleidung sitze ich auf einer Matte unter meinem Moskitonetz in einem Raum voller Menschen. Die ruhige Musik, die aus den Kopfhörern in meine Ohren trällert, sorgt dafür, dass ich statt den Gesprächen und dem Lachen meiner Mitbewohner zu lauschen, in eine ruhigere Welt eintauchen kann.

Ich lächle vor mich hin…immer dachte ich, Privatsphäre bedeute zumindest die Rückzugsmöglichkeit eines eigenen Zimmers zu haben. Nun hat sich mein Raum der Privatsphäre, auf eine dünne Matte reduziert, die mir durch das darüber gespannte Moskitonetz ein Gefühl der Ruhe und des Alleinseins vermittelt...

 

...Die Musik in meinen Ohren, lässt mich wirklich glauben, dass ich nur für mich bin und ich somit ohne Ablenkung meine Zeilen schreiben kann. Niemals hätte ich geglaubt, dass dies möglich wäre, doch das Leben überrascht mich immer wieder.

 

Die letzten Tage durfte ich mich vor allem um Administratives kümmern, was ich eigentlich nicht wirklich gerne mache. Jedoch hatten wir nach dem letzten Meeting mit unserem Wirtschaftsprüfer in Delhi einiges an bürokratischer Arbeit nachzuholen. Ich habe immer gedacht, in Indien würden die Dinge nicht so genau genommen, wurde jedoch eines Besseren belehrt…  Ich sah den Wirtschaftsprüfer wohl etwas verblüfft an, als er uns den Umfang der Buchhaltung erklärte.Er erwähnte all diese Punkte nie zuvor.

Mit einem Lächeln sagte er: „Auch in Indien haben wir Regeln, die sie sicherlichvon der Schweiz her kennen. In Indien ist es jedoch so, dass nur ein kleiner Teil der Organisationen die Richtlinien befolgen“.Von Anfang an war unser Wirtschaftsprüfer darauf aus, dass wir vorschriftsgemäss handeln und informierte uns über jedes kleine Detail. Immer wieder sagt er:“ Frau Rubin, ich möchte sie nicht glücklich machen, indem ich ihnen erzähle, dass alles einfach ist, sondern mit ihnen etwas Sinnvolles aufbauen, das Zukunft hat und gesetzlich abgesichert ist.“ Erleichtert  gebe  ich ihm dann jedes Mal zur Antwort: „Und genau auf diese Weise machen sie mich glücklich!“

Uns wurde bei diesem Treffen klar, welche Strukturen wir für unsere weitere Arbeit benötigen und wie wir ebenso für unsere Stiftung in Indien die Steuerbefreiung beantragen können. Was mich neben der ausführlichen Buchhaltung, die der Wirtschaftsprüfer erwartet, überraschte war, dass wir ebenso für alle Hope is life India Mitarbeiter, sogar die Freiwilligen, einen Arbeitsvertrag, Arbeitsbeschriebe, usw. benötigen.Mir wurde bewusst, dass wir hier etwas aufbauen, das einem Kleinunternehmen gleich kommt. Diese Erkenntnis erschreckte mich nicht etwa, sondern bestärkte mich in meiner Haltung, eine gute, professionelle Grundstruktur aufzubauen. Ein Fundament, das sich auch in Zukunft, wenn wir uns vergrössern, bewähren wird. Glücklich über Param’s Knowhow durch seine mehrjährige Arbeit in einer Hilfsorganisation und meine Erfahrungen, die ich als Geschäftsführerin im Betreuten Wohnen Elgg machen durfte, nimmt unser Hope is life-Team diese Herausforderung an.

 

Das Frauenprojekt in den neuen Gebieten stellte uns auf eine lange Geduldsprobe, denn das Gebiet, in welchem unsere gewählten Projekt-Dörfer liegen, wurde schon oft von Gewaltvorkommnissen und massiven Konflikten heimgesucht. Ausländer dürfen nur mit einer polizeilichen Bewilligung hinreisen.Doch wo ist die Unterstützung, die Arbeit gegen Armut und der Einsatz für ein friedliches Zusammenleben notwendiger,als genau in solchen Gebieten? Wir haben uns vorgenommen, uns für die Menschen einzusetzen, die in Vergessenheit geraten sind, die sich nur schwer selbst zur Wehr setzen können und aus diesem Grund konzentrieren wir uns auf diese Orte. Auch wenn dies manchmal warten, warten und nochmals warten bedeutet. Was die Menschen in diesen Gebieten haben, ist Zeit, doch meist nur noch wenig Hoffnung und oft kein Vertrauen mehr in Hilfsorganisationen, die leere Versprechungen machen… 

In dieser Zeit des Wartens und Hoffens auf die nötige Bewilligung hat sich im Bereich des Frauenprojektes etwas Wunderbares ergeben. Unser als teilzeitarbeitender Projekt-Koordinator Krushna (KrushnachandraAtaka) schien plötzlich etwas nachdenklicher als sonst. Als er mich dann an seiner Idee, seinen jetzigen Job zu kündigen, teilhaben liess, war mir sofort klar, was ich zu tun hatte. Krushna ist ein warmherziger und fröhlicher Mensch, der seine Arbeit kompetent und pflichtbewusst umsetzt. Ich wollte ihn für Hope islife gewinnen. Als ich dann in die Schweiz telefonierte, um  mich mit Thomas Gentsch zu beraten, kam  seine Antwort blitzschnell: „Krushna ist eine geniale Investition für Hope islife, biete ihm an für uns zu arbeiten, zu 100%.“Gesagt getan. In einer Sitzung teilte ich Krushna mit, dass Hope islife ihn gerne zu voll und ganz dabei haben möchte. Er strahlte übers ganze Gesicht und sagte sofort zu. 

 

Krushnaistin unserem Projektgebiet aufgewachsen. Die Menschen in seiner Umgebung kennen ihn gut, denn der gelernte Apotheker nutzt sein Know-how nicht nur auf beruflicher Ebene, sondern setzt seine Fähigkeiten in seiner Freizeit in seinem Heimatgebiet ein. Er verabreicht Spritzen und verkauft Medikamente…obwohl, verkaufen ist zuviel gesagt. Als ich ihn darauf ansprach, wie viele seiner Kunden ihn bezahlen können, lachte er: „Die meisten haben kein Geld…ich weiss jedoch, wenn sie jemals Geld haben werden, werden sie die Medikamente rückwirkend bezahlen.“ Er nennt es sein Business, welches,würde er eine Buchhaltung führen, jedoch sicherlich in roten Zahlen enden würde. Doch genau diese Denkweise und Haltung, sein Mitgefühl, seine Herzlichkeit, die Hoffnung und das Vertrauen ins Leben sind ein Geschenk für Hope is life.

 

Endlich, nach wochenlangem Warten, haben wir vor einpaar Tagen die lang ersehnte Bewilligung erhalten, um in unser Projekt-Gebiet reisen zu dürfen.

Für mich sind diese Besuche immer wieder sehr bewegend. Mich fasziniert die Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber einem fremden Menschen. Mit Ehrlichkeit mein ich nicht, dass ihre Worte immer der Tatsache entsprechen, sondern die Gedanken die sie ehrlich preisgeben, die Fragen die sie haben, die Offenheit über ihre Probleme, Ängste und Frustrationen zu sprechen. Und dies, obwohl ich ihnen mit derselben Offenheit begegne und klar kommuniziere: „Wir bewirken keine Wunder, wir sind eine kleine Organisation, die nur wenig Geld zur Verfügung hat. Was wir jedoch bieten können ist unser Wissen, unsere Zeit und ein wenig Geld, das wir überlegt und sinnvoll einsetzen möchten. Unser Ziel ist es, Euer Wissen und unser Wissen zu vereinen, so dass wir stärker werden, um gemeinsame Ziele zu erreichen und auf eine Zukunft hinzuarbeiten, die Eure Grundbedürfnisse auf lange Sicht erfüllen kann.“ Ich möchte, dass die Dorfbewohner verstehen, dass nur mit ihrem Einsatz eine Veränderung stattfinden kann. Sie können sich dafür oder dagegen entscheiden, das ist ihre Wahl. Doch für die Veränderung sind am Ende beide, Dorfbewohner und Hope is life gemeinsam verantwortlich. Eines der vier Dörfer hat sich dagegen entschieden. Ich bin glücklich darüber, dass sie diese Wahl selbst getroffen haben. Für uns heisst das, dass wir die Kapazität haben, ein neues Dorf ins Projekt einzubeziehen. Ein Dorf, in welchem sich die Dorfbewohner mit unserer Haltung anfreunden können und bereit sind, ihren eigenen Beitrag zu leisten.

 

Der vom Staat angestellte Bezirkspräsident, Drinju Hikoka, lebt im kleinsten der von uns ausgewählten Dörfer. Er ist für die gesamte Region zuständig, in welchem sich unsere Projektdörfer befinden. Jedes Mal wenn wir ankommen, legt er seine Arbeit nieder, setzt sich zu uns, bestärkt uns in unserem Vorhaben und sichert uns seine volle Unterstützung zu. Die vertrauensvolle Verbindung, die er zu Krushna und mittlerweile auch zu Param pflegt, ist nicht zu übersehen und schenkt mir Zuversicht und Hoffnung. Auch die Selbstsicherheit seiner Frau, die mühelos vor der gesamten Dorfgemeinschaft ihre Meinung äussert, ist für mich immer wieder ein Zeichen eines Ehemannes, der die Stärke seiner Frau fördert und akzeptiert. Unser Mittagessen durften wir in der bescheidenen Hütte des Bezirkspräsidenten einnehmen. Er nutzte diese Gelegenheit, um das vorhergehende Meeting mit den Dorfbewohnern zu reflektieren. Er erzählte uns, dass er in einem anderen Gebiet einen Job angenommen hatte, jedoch diesen kurz darauf wieder kündigte, um wieder in sein Dorf zurück zu kehren.Wenn er sieht, dass Menschen in seinem Dorf leben, die Hunger leiden müssen, dass Kinder nach Essen betteln, weil sie kein Zuhause haben, kann und will er nicht tatenlos zusehen, sondern möchte etwas verändern. Er erzählte von grosser Hoffnung, die jedes Mal entsteht, wenn eine Hilfsorganisation ins Dorf kommt. Die traurige Wahrheit jedoch ist, dass fast alle das Dorf wieder tatenlos verlassen. Die meisten sind nur am eigenen Geschäft interessiert und nicht an einer Veränderung. Obwohl ich nur einige Brocken verstehen konnte, berührten mich seine Emotionen und ich wartete geduldig auf die Übersetzung seiner Ausführung. Ich sah wie er mit den Tränen kämpfte als er sagte, dass eine Sitzung,wie wir sie heute gemacht haben, niemand vorher in dieser Weise durchgeführt hat. Ihn berührt das echte Interesse, das wir damit den Dorfbewohnern gezeigt haben. Das Interesse, mit ihnen zusammen etwas zu bewirken. Er glaubt, dass die Dorfbewohner genau diese Art von Unterstützung benötigen; erst zu lernen, miteinander zu reden, friedlich zusammen zu leben, um dann gemeinsam an den Problemen und Konflikten zu arbeiten. Tränen füllten meine Augen, als ich Params Übersetzung lauschte. Bewegt bedankte ich mich mit der üblichen Geste, der zusammengehaltenen Händen vor meinem Gesicht und bedankte mich in seiner Sprache. Er tat dasselbe und bedankte sich in englischer Sprache. Eine ehrliche Dankbarkeit, war von beiden Seiten spürbar. Wir haben dieselben Ziele und das Treffen weckte neue Hoffnung, diese zusammen zu erreichen.

 

Nun noch ein paar Worte zu unserem Patenschaft-Projekt. Immer wieder besuchen wir verschiedene Orte, in der Hoffnung, die wirklich bedürftigen Kinder ausfindig zu machen. Einige Begegnungen hatte ich in unseren Projektdörfern, die wir nun überprüfen, um danach nach einem Götti oder einer Gotte zu sucht.

 

Der kleine Tika, von dem ich Euch letztes Mal erzählt habe, entwickelt sich zusehends. Der Junge, der anfangs scheinbar nicht lachen wollte, der manchmal um ein Messer bat um sich umzubringen, spielt nun, lacht und geht mit mir in seinem klapprigen Rollstuhl spazieren, als wäre es nie anders gewesen. Er scheint von Tag zu Tag mehr Freude am Leben zu bekommen.

 

Nun bedanke ich mich von Herzen für Euer Interesse und werde Euch in einigen Wochen sicherlich wieder einiges zu berichten haben (-:

 

Warme Grüsse aus dem lebhaften Berhampur

Andrea

 

 

 

 

 

 

 

 

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