Erfahrungsbericht August 2014

 

Und wieder einmal, wie so oft in den letzten Wochen, sitze ich im Zug. Seit Anfangs Juli bin ich unterwegs und habe schon über 100 Stunden Zugfahrt hinter mir. Auch diese Zugfahrt wird erst nach 27 Stunden ein Ende nehmen. Ich liebe Zugfahrten, den Kontakt mit den Menschen, die Zeit die ich nutzen kann, um zu lesen, Musik zu hören oder an Projekten zu arbeiten. Auch jetzt, sitze ich gemütlich auf meinem Schlafplatz und haue in die Tasten meines Computers. Vor einigen Minuten habe ich mich mit der gesamten indischen Sippschaft unterhalten, einer Familie die aus den Dörfern von Orissa stammt...

 

...Sie alle waren unterwegs ihre Verwandten zu besuchen, die eine Zweitagesreise entfernt wohnen. Immer wieder fragen sie mich, ob ich wirklich alleine unterwegs bin, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Mann. Sie sind erstaunt darüber, dass ich in Berhampur „nur“ mit Einheimischen zusammenarbeite. Ohne wirklich Hunger zu haben, probiere ich verschiedene Gerichte, die meine Mitreisenden im Gepäck haben, sie fragen mich bei den Haltestellen, ob sie mir etwas mitbringen können, da sich Frauen normalerweise bei den Stopps nicht draussen aufhalten. Bei längeren Halts gehen die Männer nach draussen, bringen ihren Frauen und Kindern Kekse, Tee oder andere Nahrungsmittel für die weitere Reise. Gerade hat mir ein junger Herr einen Mangosaft mitgebracht, den ich nun genüsslich schlürfe, während ich diesen Newsletter schreibe. Während meinen ganzen Reisen, habe ich mich nie wirklich unsicher gefühlt. Immer sind Menschen um mich herum, die sich um mich sorgen und mit denen ich mich austauschen kann. Die Reisen per Zug sind günstig und die Flugreisen dagegen eher teuer, deshalb bevorzuge ich das Reisen im Zug.

 

Weshalb ich in letzter Zeit viel auf Reisen bin, hat verschiedene Gründe. Zum einen bin ich für unser Schulprojekt unterwegs. Ich besichtige Dörfer, die für den Aufbau der Schule in Frage kommen, besuche Schulen mit verschiedenen Lehrkonzepten und treffe mich mit Schuldirektoren, die mich durch ihre Erfahrungen und ihr Wissen beim Aufbau der Schule unterstützen können. Durch die verschiedenen Einblicke, Diskussionen und Schulkonzepte, erhalte ich ein klares Bild, um unser Projekt in einer Weise anzugehen, in welcher die Schulkinder den grössten Nutzen daraus ziehen können. Dazu gehören die Fragen, wie sinnvoll oder unsinnig es ist, die Kinder aus ihren Familien zu nehmen und ihnen ein Hostel anzubieten. Oder soll die Schule erst in kleinem Stil starten oder macht es Sinn zu warten und etwas Grösseres anzubieten? Welche Ziele haben die Dorfbewohner für ihre Kinder, welche Zukunft wünschen sie sich für ihre Kinder? All diese Fragen führen zu Antworten, die uns dabei unterstützen, nicht einfach unsere Vision umzusetzen, sondern das Gesamtbild, um den jungen Menschen eine Unterstützung zu bieten, die ihnen das Leben auch in ferner Zukunft erleichtern können, im Auge behalten. Die letzten Monate die ich in Orissa verbracht habe, habe ich verstanden, dass ich nie ausgelernt habe. Beobachten, zuhören und abwarten sind wertvolle Eigenschaften, die nicht nur Ausdauer abverlangen sondern auch vor unbedachten Handlungen schützen.

 

Dazu ein Beispiel: Ein Freund informierte Param und mich, dass die Menschen in seinem Heimatdorf an einer Schule sehr interessiert sind. Sie würden uns Land zu einem sehr günstigen Preis geben oder ev. sogar schenken. Ich stellte verschiedene Fragen, die nicht alle beantwortet werden konnten. Ich war interessiert, wie viele Kinder da wohnen, welcher Arbeit die Familien nachgehen und ob in diesem Gebiet die Maoisten aktiv sind. Dies sind indische Terroristen, die sich gewaltsam gegen Korruption und für bessere Bildung in den Dörfern stark machen. Etwas weiter entfernt seien die Maoisten, jedoch nicht im Gebiet wo wir die Schule aufbauen könnten. Ich freute mich riesig das Dorf zu besuchen, das Land zu sehen und die Menschen kennen zu lernen. Mit dem Zug reisten Param und ich nach Ryagawra, um uns ein genaueres Bild zu machen. In der Nacht fuhren wir hin, einen Tag hatten wir da Zeit, um dann wieder die Nacht darauf im Zug schlafend zurück zu fahren. Somit konnte Param seinen einzigen freien Tag für diese Besichtigung nutzen, um dann Montagmorgen vom Bahnhof direkt zur Arbeit zu gehen.

 

Nach einer 2 stündigen Autofahrt erreichten wir das Dorf. Als erstes fuhren wir zu einer nahgelegenen Schule, die vor 10 Jahren von einer ausländischen Hilfsorganisation aufgebaut wurde. Diese Schule hat sich auf Kinder bestimmter Trible-Gemeinschaften spezialisiert. Die umliegenden Dörfer gehören jedoch nicht dazu. Bei der Besichtigung fragte ich spontan nach, wie es aussieht mit den Maoisten, ob sie da nie Probleme gehabt haben. Mein Gesicht hätte ich bei der Antwort am liebsten gesehen…“Die Maoisten waren da, haben uns jedoch die Bewilligung gegeben, uns gesagt, dass wir diese Schule weiterhin führen dürfen. Wir hatten nie Probleme mit ihnen. Sie leben 4-5 Kilometer weiter in den Bergen“…Ich war so richtig paff. Beim weiteren Nachfragen der Dorfbewohner, wurde mit bewusst, dass diese Menschen es sich gewohnt sind, mit den Maoisten zu leben. Für sie bedeuten die Maoisten keine besondere Gefahr oder einen Grund zur Sorge. Für sie ist das Alltag. Ebenso wurde mir klar, dass in den Dörfern, in denen die ärmsten der Armen leben, nicht weit entfernt sich jeweils die Maoisten niedergelassen haben. Diese Tatsache stimmt mich traurig und nachdenklich. Denn wir haben uns das Ziel gesetzt, die ärmsten der Armen in diesem Gebiet zu unterstützen. Nun heisst es strategisch zu denken, unser Konzept erneut zu überprüfen und alle Möglichkeiten abzuwägen.

 

Zum heutigen Zeitpunkt sind wir uns über Ort und Konzept klarer. Mehr werde ich jedoch erst im nächsten Newsletters bekannt geben. Ich bin froh darüber, dass wir uns diese wertvolle Zeit nehmen können, um zu erkunden, zu lernen und zu wachsen. Vor über einem Jahr startete ich hier ohne Wissen über die Menschen, die Kultur, die Sitten und Bräuche. Dadurch, dass ich mit den Menschen hier zusammen lebe, viele von ihnen sogar zu Freunden geworden sind, kriege ich einen tiefen Einblick in das Leben in Orissa. Ich sehe wie wichtig das Wissen über Menschen und ihre Kultur, Sitten und Bräuche ist, um sinnvolle Projekte zu starten, die den Menschen auch wirklich Nutzen bringen. Nicht meine Vorstellung von einem „besseren Leben“ ist wichtig, sondern die Vorstellung der Betroffenen. Nur sie wissen, was ihnen Hoffnung gibt und wie sie in Würde leben und nicht nur überleben.

Kurz möchte ich den zweiten Grund meiner Wochenlangen Reise erläutern. Ich durfte für verschiedene Workshops in Gewaltfreier Kommunikation, sowie einen Workshop in Aufarbeitung von Trauma mit Kindern mitgestalten oder selbst anbieten. Durch die Workshops öffnen sich mir immer wieder neue Tore, die ich für Hope is life nutzen kann. Der finanzielle Erlös dieser Trainings fliessen ebenso zu 100% in die Projekte von Hope is life India. Auch wenn es bis anhin ein kleiner Zustupf war, ist dies in Zukunft vielleicht eine Möglichkeit, um Teile der Projekte selbst zu finanzieren.

  

Nun reisen meine Gedanken noch kurz in die Zukunft, denn schon in fünf Wochen, bin ich zurück in

der Schweiz. Meine Zeit da werde ich nutzen, um mich wieder finanziell abzusichern, da ich auch heute noch meinen Lebensunterhalt in Indien aus eigener Tasche finanziere, so dass die Spenden zu 100% in die Projekte investiert werden können. Natürlich freue ich mich viel mehr darauf, alle meine Lieben wieder zu treffen und Erlebnisse der letzten 6 Monate auszutauschen. Ebenso bin ich motiviert, die Aufgaben von Hope is life anzugehen, die in der Schweiz zu erledigen sind. Neue sinnvolle Pläne von Projekten sind entstanden, die nur noch darauf warten, umgesetzt zu werden. Die Projekte verfolgen weiterhin das Ziel Schutz und Unterstützung von Frauen, sowie Bildung von Kindern in Indien.

Schon Mitte Dezember werde ich erneut die Reise nach Indien antreten und mich wieder mit neuem Elan den Projekten widmen.

 

Herzliche Grüsse

Andrea

 

 

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