Erfahrungsbericht April 2020

 

Die ganze Welt steht mitten in einer Krise. Niemand weiss wann die Krise vorbei ist, niemand kann planen, es unklar ist, wann das «normale Leben» weitergehen kann.

 

In dem ganzen Chaos das herrscht, befinde ich mich in einem kleinen abgelegenen, ruhigen Dorf in Indien, welches nichts anderes kennt, als Unklarheit und Unsicherheit was der nächste Tag bringt. Die Menschen hier kennen das Leben nicht anders. Sie sind froh, wenn sie den Tag gut überstehen. Sie sind dankbar, wenn sie am nächsten Tag genügend Essen haben um ihre Familie zu ernähren. Täglich erkranken Menschen schwer und der Tod ist den Dorfbewohnern ein bekannter Begleiter. Dies kennen die Menschen, das bedeutet für sie Alltag, das «normale Leben».

 

Gerade heute habe ich es miterlebt. Heute verstarb ein Mann aus unserem Dorf, mein Nachbar. Er hinterlässt acht Kinder und zwei Frauen. Ja richtig gelesen, er hatte zwei Frauen, dies ist in dieser Gegen nicht selten. Eine der Frauen gehört zu unserem Team. Sie ist die Mutter von 5 Kindern. Sie ist normalerweise eine sehr ruhige Person, doch heute nicht. Während ich schreibe, höre ich die Klagelieder der Frauen. Ihr weinen gleicht einem Singen. Sie singen über den Verstorbenen. Was er Gutes getan, wie er war als er lebte, im guten Sinne. Und ebenso darüber wie sie leiden, wie sie ihn vermissen. Ich erlebe, wie seine zweite Frau, unsere Mitarbeiterin aus dem Haus auf den Dorfplatz rauskommt. Laut singt und weint sie ihren Schmerz heraus. Verdeckt ihr Gesicht mit ihrem Kopftuch. Es schmerzt sie so zu sehen und gleichzeitig bin ich froh, dass die ruhige, schüchterne, zierliche Frau ihrer Trauer und ihrem Schmerz auf dieser Weise Ausdruck geben kann. Die Dorfbewohner werden auch in den weiteren Stunden die Tradition befolgen. Die Männer des Dorfes werden sich im Schatten eines Baumes versammeln und den zurückgebliebenen Männern der Familie Empathie geben und ihnen ihre Unterstützung zusichern. Ebenso werden sie Geld sammeln, so dass sich die Familie Zeit zum Trauern nehmen kann. Am Abend versammeln sich die Frauen und tun dasselbe für die weiblichen Angehörigen des Verstorbenen. Die Zukunft wird schwer für die gesamte Familie. Auch wir als Team werden für die Familie da sein und sie ebenso finanziell unterstützen.

 

Situationen wie diese lassen vergessen, dass das Coronavirus die ganze Welt beschäftigt. Es scheint unwichtig zu sein, was in der Welt passiert. Und trotzdem wird uns schon morgen die Realität wieder einholen, denn unsere Arbeit geht weiter. Die Menschen in unserer Umgebung brauchen Nahrung.

 

 

 

Am 24.03.2020 wurde in ganz Indien eine Ausgangssperre einberufen. Verschiedene Gerüchte über Bestrafungen kursierten, falls die Ausgangsperre nicht eingehalten werden sollte. Von 500 INR (3.50 Fr.) Bussgeld über fünf Jahre Gefängnis. Ich spürte eine gewisse Erleichterung, dass die Regierung den Virus schnellst möglich eingrenzen möchte. Da in Orissa leben sehr viele Menschen mit einem schwachen Immunsystem. Zum Beispiel haben in unserer Umgebung ungefähr 60% der Familien Kinder mit einer Sichelzellanämie. Weiter leiden viele Menschen an Mangelernährung. Ebenso sind weitere Erkrankungen wie Malaria, Dengue, Tuberkulose und Typhus hier häufig anzutreffen. Der Virus würde in unserem Gebiet viel anrichten.

 

Nach der Erleichterung kam jedoch schnell die grosse Ernüchterung. Von was leben nun die Menschen. Die meisten leben hier von ihrem Lohn als Taglöhner. Was sie heute verdienen, sichert ihr Essen für morgen. Nun ohne Verdienstmöglichkeit gibt es keine Nahrung. Erst haben wir unsere Projektdörfer mit Essen versorgt, dann wurde die Situation immer prekärer. Die Menschen in den Dörfern um uns herum hungerten. Sie versuchten irgendwie an Essen zu gelangen. Sie suchten Wurzeln die sie kochen konnten, wilder Spinat oder wenn sie Glück hatten fanden sie ein Ameisennest, von welchem sie die Eier nutzen, um ein Curry zu kochen. Den Menschen war der Hunger nicht anzusehen, jedoch den Hunden. Die Hunde die ansonsten die Reste des Essens erhielten gingen in dieser Zeit leer aus. Sie wurden zusehnlich dünner. Wir zählten auf die Regierung und dachten, dass die Menschen um uns herum Essen erhalten werden, doch nichts geschah. Somit handelten wir. Wir begannen mit den nächsten Dörfern um uns herum und verteilten Essen für die nächsten zwei Wochen. Wir bestellten Nahrungsmittel, verpackten diese jeweils in Säcke, die Menge nach Anzahl der Familienmitglieder ausgerechnet und brachten sie in die Dörfer. Die ersten Dörfer nahmen das Essen dankbar an. Mit der Zeit wurde die Auslieferung jedoch immer herzzerreissender. Die Menschen rannten unserem Auto hinterher, um sicher zu gehen, dass sie auch etwas von den Nahrungsmitteln erhalten und nicht mehr hungern müssen. Sie fingen an zu weinen und bedankten sich immer wieder von neuem. Diese Szenen waren schwer zu ertragen. Auf das Bedanken antwortete ich mit Tränen in den Augen; Nahrung ist ein Menschenrecht, alle Menschen haben das Recht auf Nahrung und sie müssen sich auf keinen Fall dafür bedanken.

 

Das erste Mal durchatmen konnten wir, als uns bewusst wurde, dass wir unsere gesamte Region mit Nahrungsmittel versorgt haben. In 17 Dörfern mit über 7000 Menschen verteilten wir Nahrungsmittel. Niemand in unserer Umgebung musste mehr Hungern. Das Wissen jedoch, dass es in Indien tausende von Dörfern gibt, in welchen Menschen weiterhin hungern müssen, hinterliess bei uns allen Missmut. Natürlich war unsere Arbeit mit dem einmaligen Verteilen von Nahrungsmitteln nicht getan, denn die ersten Dörfer erhielten die Nahrungsmittel vor zwei Wochen, also ging es weiter mit dem Verpacken um die zweite Ladung in den Dörfern zu verteilen.

 

Immer wieder kontaktierten wir die Behörden und forderten, den Dorfbewohnern den versprochenen Reis und Geld zu verteilen. Vor einer Woche dann begannen die Behörden mit der Auslieferung von Reis und Geld an alle Familien in unserer Region. Noch immer sind sie an der Arbeit. Täglich besuchen wir die Auslieferung um sicherzustellen, dass die Menschen auch erhalten was ihnen versprochen wurde. Jede Familie erhält für 3 Monate Reis pro Familienmitglied und pro Familie 1000 INR (7.50 Fr.). Mit diesem Geld kann eine Familie für zwei Wochen Gemüse, Linsen und weitere notwendige Nahrungsmittel, die sie zusätzlich zum Reis verspeisen kaufen. Dies ist der Moment, an welchem wir eine weitere Pause erhalten. Zwar kontrollieren wir fast täglich die Behörden, werden jedoch nun für die nächsten Tage kein Essen abgeben. In einer Woche dann werden die Dörfer die als erste Reis und Geld erhalten haben, wieder von uns mit Linsen und Soya versorgt, so dass keine Mangelernährung entsteht. Das ist gerade in dieser Zeit enorm wichtig.

 

Die Auswirkungen des Coronavirus zeigen sich bei uns vor allem im Bereich des Hungerleidens. In Orissa haben wir mit ungefähr 43 Millionen Menschen und bis anhin nur 83 auf Corona positiv getestet. 21 sind wieder gesund und 1 Mann mit 72 Jahren ist daran gestorben. Seit der Ausgangssperre sind die Zahlen relativ konstant. Bei den vielen Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, der teils mangelnden Hygiene und der ungenügenden medizinischen Versorgung ist es nicht auszudenken, welche Folgen eine Verbreitung des Virus haben könnte. Wir hoffen alle davon verschont zu bleiben.

 

Ich möchte mich im Namen von Hope is life und allen Dorfbewohnern von Herzen für die grosse Anteilnahme und Solidarität bedanken. Unsere Ausgaben für Nahrungsmittel werden laufend mit neuen Spenden gedeckt, so dass wir sicher gehen können, auch für die nächsten zwei Wochen wieder genügend Nahrungsmittel kaufen zu können. Dies gibt uns Hoffnung und Zuversicht auch für die kommenden Tage. Vielen herzlichen Dank!

 

 

 

Alles Liebe aus Indien

 

Andrea

 

 

NEWS:

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