Erfahrungsbericht April 2017

Freud und Leid sind manchmal so nahe bei einander…

…immer noch bewegt von den heutigen Erlebnissen, versuche ich in Worte zu fassen, was ich heute erlebt habe. Ich bin in Indien, in Berhampur. Zu meiner Freude sind die aktuellen Projekte in vollem Gange. Param und Anuma (Gründer von Hope is life India) sind aktuell in den Dörfern, wo wir gemeinsam arbeiten wollten. Jedoch habe ich leider mal wieder keine polizeiliche Bewilligung erhalten. Diese Bewilligung ist notwendig, da unsere Dörfer in Naxalite/Maoisten Gebieten liegen. Aus diesem Grund bin ich heute mit unserem „Mission for smile“ Team ins staatliche Spital in Berhampur, um da mit den Kindern und Eltern einen Austausch zu haben, zu malen und Geschichten zu erzählen. Anfangs war unser einziges Ziel von diesem Projekt, den Kindern und Eltern ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Mittlerweile sind da noch weitere Aspekte, wie der Austausch mit den Eltern, einfach zuhören und Empathie geben. Oft sind sie dankbar, wenn jemand da ist und zuhört. Dann durften wir auch Kinder an andere Organisationen weiter vermitteln, wo sie die nötige Unterstützung erhalten haben. So entwickeln sich die Dinge hier, langsam jedoch stetig. (-:

Und nun zum heutigen Tag: Die Kinder und Eltern hiessen uns willkommen und es war wunderbar zuzusehen, wie sie alle mit Malen beschäftigt waren und der triste Spitalalltag etwas Farbe erhielt. Ein kleines Mädchen, das mit ihrem Vater im Spital war, ist mir sofort aufgefallen, da sie mich mit ihren grossen Augen einfach nur anstrahlte. Es war berührend und wunderbar, an einem Ort, in welchem viele Kinder leiden, solch leuchtende, strahlende Augen zu entdecken. Sie begann sofort mit malen und ich konnte mich etwas mit ihrem Vater unterhalten. Die Kleine hat die Erbkrankheit Sichelzellanämie. Diese Erkrankung ist hier in Orissa leider ganz häufig anzutreffen. Jungs wie auch Mädchen sind davon betroffen und meist erreichen diese Menschen kein hohes Alter. Sie benötigen Medikamente und regelmässige Bluttransfusionen. Der Grund warum man diese genetische Erkrankung hier so häufig antrifft ist, die zu häufige Heirat innerhalb der Familie. Damit ist nicht gemeint, dass Geschwister andere Geschwister heiraten, sondern entfernte Verwandte. Es sind so viele kulturelle Richtlinien einzuhalten, wie Kaste, Religion und Abstammung, dass teils nur ein Partner in der eigenen Sitte passen kann. Somit erkranken viele Kinder an Sichelzellanämie.

Die Kleine ist sich deshalb gewohnt, regelmässig ins Spital einzutreten, um Medikamente und Blut zu erhalten. Obwohl dies immer sehr belastend für die ganze Familie ist, lässt sie sich nicht unterkriegen. Ihre Augen verraten welche Energie und Lebenslust das Mädchen hat, dies bestätigt auch ihr Vater. Diese Begegnung mit dem Mädchen war sehr berührend und bereichernd für mich. Nachdem sich unser Team von ihr und den anderen Kindern verabschiedet hatten, gingen wir durch das Spitalgelände. Während wir uns in unserem Team über unsere Erlebnisse mit den Kindern austauschten, sah ich eine Frau mit einem Kind vorübergehen. Ich blieb stehen und beobachtete die Zwei. Die Frau sah sehr schwach aus und das Kind, das sie im Arm hielt… es war herzzerreissend was ich sah. Ein Junge, ungefähr 3 oder 4 Jahre alt, schwer einzuschätzen, seine Gestalt bestand nur noch aus Haut und Knochen. Ich hab so was noch nie gesehen. Aus diesem Grund hab ich wohl etwas sonderlich reagiert. Auch wenn hier im Spital viele schwerkranke Kinder anzutreffen sind und es immer schmerzt sie so zu sehen; etwas an diesem Jungen war anders. Erst zögernd, weil ich dachte, ich kann ja nicht eine wildfremde Frau einfach ansprechen, packte ich einen unserer Mitarbeiter am Arm und bat ihn mitzukommen: „Ich muss mit dieser Frau reden, kannst du übersetzen?“

 

Die Frau war offensichtlich nicht begeistert, dass sie von einer Fremden angesprochen wurde. Ich fragte nach, was mit ihrem Kind geschehen ist. Erst antwortete sie nur, er habe eine Infektion. Als ich mir den Kleinen näher betrachten konnte, sah ich, dass er an vielen Stellen des Körpers Infektionen hat. Die Frau war weiterhin misstrauisch, doch begann sie mehr zu erzählen. Sie berichtete, dass der Vater des Jungen verstorben ist und auch seine Schwester und sie selbst nicht in guter Verfassung sind. Als sie dann über die Erkrankung zu reden begann, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: HIV. Die ganze Familie ist davon betroffen, aus diesem Grund starb der Vater, die Mutter und ihre beiden Kinder sind ebenso infiziert. Vom Staat werden sie nach ihrer Aussage mit 5 Franken pro Monat unterstützt, was ich heute noch nicht überprüfen konnte. Nach mehrmaligem Nachfragen überreichte mir die Frau ihre Telefonnummer, nannte ihren Namen und Adresse. Das Misstrauen der Frau ist leicht zu erklären. Die Menschen mit HIV haben es hier sehr schwer. Sie werden ausgestossen und schlecht behandelt. Aus diesem Grund fällt es der Mutter nicht einfach, offen darüber zu sprechen und steht der Welt mit grossem Misstrauen gegenüber. Für mich war einfach eines klar, auch wenn ich nur noch 3 Tage Zeit habe, diese Familie benötigt unsere Unterstützung. Ich hatte jedoch noch keinen blassen Schimmer wie…

 

…am letzten Tag vor meiner Abreise, konnten wir die Familie in ihrem Zuhause besuchen. Meine Befürchtungen, dass die Frau durch ihre Erkrankung sehr einsam lebt, haben sich glücklicherweise nicht bestätigt. Sie ist im Dorf gut integriert, denn niemand weiss von ihrer und der Erkrankung ihrer Kinder. Jedoch bringt sie die schlechte Gesundheit ihres Sohnes finanziell und psychisch an ihre Grenzen. Ihrer Tochter geht es aktuell gut, jedoch sind an ihren Armen und im Gesicht ebenso Ekzeme erkennbar. Nach einem langen Gespräch war uns unsere Aufgabe klar; wir werden versuchen, für die ganze Familie eine verlässliche, ärztliche Untersuchung zu veranlassen und dadurch Klarheit darüber zu bekommen, welche Medikamente notwendig sind, um Schmerzen zu lindern, Entzündungen zu heilen sowie den Körper zu stärken. Hier in Orissa erhalten nur wenige Menschen mit HIV die notwendigen Medikamente. Ich bin mir nicht ganz sicher an was es liegt, denn jeder Staat in Indien hat eine AIDS Beratungsstelle, in welcher Medikamente gratis abgegeben werden sollten. Nun denke ich, das Problem hier in Orissa ist, dass die Informationen nicht weitergeleitet werden und die hohe Korruption die hier herrscht. Unser Ziel ist nun, die Familie zu begleiten, Unterstützung und Hilfe zu leisten wo es notwendig ist. Wir unterstützen die Familie HIV Medikamente zu erhalten, falls irgendwie möglich. Wir werden tun was wir können, um die Zeit, die ihnen noch verbleibt, mit der bestmöglichen Lebensqualität verbringen zu können.

 

Nun wollte ich eigentlich noch ganz viel mehr erzählen, doch ich versuche mich kurz zu halten und das Wichtigste in Kürze zu erzählen.

 

Die weiteren Projekte in Indien gehen gut voran und es entstehen neue Ideen und kreative Wege, wie wir weitere Menschen erreichen können. Zum Beispiel werden wir mit einem uns bekannten indischen Arzt einmal monatlich ein abgelegenes Dorf besuchen, um da bedürftige Menschen kostenlos zu behandeln, zu beraten und Medikamente abzugeben und dies ebenso umsonst. Die Dörfer die wir besuchen, sind sehr schwer zu erreichen, die Strassenverhältnisse riskant, meist von Malaria betroffen und einige davon liegen in Naxolite/Maoistengebiet. Ärzte sind nicht gewillt in solchen Dörfern zu arbeiten und das nächste Spital ist schwer zu erreichen. Ebenso sind die meisten dieser Dorfbewohner weit unter der Armutsgrenze und können schlicht und einfach eine Behandlung nicht bezahlen. Bei einem solchen Besuch haben wir die Möglichkeit, die Menschen in Spitäler zu schicken und/oder sie mit weiteren Hilfsorganisationen zu verlinken, die im medizinischen Bereich tätig sind.

  

Eine weitere Entwicklung hat sich im Punkt der Gewaltfreien Kommunikation ergeben. Da werden wir nun mit unseren Mitarbeitern, Frauen, Kindern, Jugendliche und Männern aus unserer Projektgegend regelmässige Weiterbildungen durchführen. So können wir uns noch intensiver dem Thema Gewalt widmen und hoffen noch mehr in die Richtung des friedlichen Zusammenlebens gehen zu können.

Durch die regelmässigen Sitzungen mit den Frauen, in welchen sie sich über ihre Gefühle und Bedürfnisse austauschen und durch Diskussionen mit weiteren Frauen aus Dörfern und Hilfsorganisationen wurde klar, an welches Thema wir uns noch heranwagen sollten: Menstruation. Dieses Thema werden wir in Indien wie auch in Nepal dieses Jahr angehen. Es würde nun den Rahmen sprengen, ausführlich über die Problematiken, die Frauen während der Zeit der Menstruation haben, zu schreiben. Frauen werden stigmatisiert, ausgeschlossen und es entsteht Gewalt und Misshandlung in Bezug auf das Thema. Um uns langsam an die Thematik anzunähern, werden wir in einem Frauenprojekt mit den Frauen auswaschbare Binden aus Baumwolle herstellen und diese in den Dörfern zu einem geringen Preis verkaufen. Auch wenn dies in den Augen von Europäern als sehr unhygienisch klingen mag, ist dies genau ein Schritt in die Richtung, die Hygiene der Frauen während ihrer Menstruation zu verbessern. Einwegbinden sind für die mittellosen Menschen meist nicht erschwinglich, somit werden andere Strategien entwickelt, die meist nicht hygienisch sind. Durch das Herstellen und Weitergeben der Binden, hoffen wir ebenso, die Menstruation mehr und mehr zum Thema machen zu können. Über die bestehenden Probleme zu diskutieren und Strategien zu suchen, um andere Wege einzuschlagen.
 

Nun möchte ich mit meinen Erzählungen noch kurz nach Sri Lanka reisen… Wie schon in anderen Newslettern erwähnt, haben wir da einem Team von 4 Krankenschwestern Weiterbildungen in Traumaberatung angeboten. Auch haben wir uns nach den Überschwemmungen für die Notleidenden eingesetzt. Bei meinem letzten Aufenthalt haben wir beide Projekte abgeschlossen. Das Team hat sich entschieden keine weiteren neuen Projekte anzugehen, da andere berufliche und private Ziele momentan Vorrang haben. Ich selbst konnte mich der Entscheidung nur anschliessen, da ich nach dem Tod von Thomas meine Kräfte für unsere bestehenden Stiftungen Hope is life India und Hope is life Nepal einsetzen möchte. Die Stiftung Hope is life Sri Lanka wurde somit aus gutem Grund nicht registriert. Der Kontakt zu den einzelnen Teammitgliedern besteht jedoch weiterhin und alle wünschen sich von Herzen, dass irgendwann vielleicht die Stiftung Hope is life Sri Lanka doch noch entstehen darf.

 

Herzliche Grüsse aus dem 39-Grad-hitzigen Berhampur

Andrea

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